Die Beschreibungen zum "Europaradweg R1" können auch über den Internetladen von BaltiCCycle.eu bestellt werden.
Teil 1 Berlin-Klaipeda: http://www.balticcycle.eu/shop/product_info.php?products_id=186&language=de
Teil 2 Klaipeda-St. Petersburg: http://www.balticcycle.eu/shop/product_info.php?products_id=188&language=de
Kritik zu Detlef Kaden "Europaradweg R1" Teil 1 und 2
von Frank "Frankas" Wurft,www.balticcycle.eu
Vorwort
Am Anfang dachte ich daran, eine "richtige schöne" Kritik zu schreiben. Jetzt sehe ich das ein bisschen ruhiger - nein, man sollte sich nicht von Emotionen überwältigen lassen. Lass' uns mal hoffen, dass es der Autor auch so sportlich sieht.
Zur Vorgeschichte
Detlef Kaden aus dem Brandenburgischen in der Nähe von Berlin hatte sich entschlossen, eine Wegbeschreibung zum sog. „Europaradweg R1“ von Berlin nach St. Petersburg zu schreiben. Anlass war wohl eine internationale Konferenz zum R1 im Januar 2006 im Oderbruch. Eigentlich beschäftigt sich der Autor mit so allerlei, wie seine Internetseite http://www.is-radweg.de/ widergibt. Fahrrad technisch stehen da die Routen vor seiner Haustür um Berlin und Berlin-Usedom im Vordergrund. Und augenscheinlich mag der Autor auch GPS. Der Autor selbst äußerte sich einmal so: "Mit den Büchern verfolge ich natürlich kommerzielle Zwecke, wenngleich sich das rein finanziell wohl nie rechnen wird. Bleibt also neben dem Spaßfaktor mein Interesse, an der Weiterentwicklung des R1 mitzuwirken."
Also hatte er sich auch bei mir mit Informationen eingedeckt, sich mehrmals mit mir getroffen (als ich in Berlin war) und meine Arbeit auch gerne und deutlich kritisiert. Vor allem mein Büchlein „Lettland per Rad“ hatte es ihm negativ angetan. (Ich bewerte meine eigene Arbeit kritisch auf der Überblicksseite zu Radführern in den Baltischen Staaten). Nun entspricht komischerweise die Route zwischen Litauen und Riga 100% meiner Empfehlung in dem vor 3 Jahren veröffentlichten Büchlein, nicht aber der später erstellten lettischen Studie zu den EuroVelo-Routen im Lande, allerdings mit dem Unterschied, dass letztere erwähnt werden, ersteres aber nicht. Mein Name wird im Vorwort erwähnt, Verweise auf „BaltiCCycle“ als Informationsquelle gibt es in den Büchern nicht.
Das hat mich etwas verdrossen, trotzdem versuche ich mir die Publikationen so objektiv wie möglich anzuschauen.
Hier nun eine Beschreibung, und zur Hilfe / zum Vergleich nehme ich dabei die beiden anderen auf dem deutschen Markt erhältlichen Publikationen, beide von etablierten Radreiseverlagen, nämlich Esterbauer/Bikeline (der wohl beliebteste, größte aber nicht immer beste Verlag): Ostseeküste Baltikum Riga-Tallinn, sowie im Kettler Verlag: Baltikum per Rad. Alle drei haben sicherlich eine verschiedene Ausrichtung, aber jeder der drei Verlage hat seine Vor- und Nachteile.
1. Das Produkt (formal)
Bei den beiden Büchern zum R1 handelt es sich um zwei Hefte mit Ringheftung, die nach eigenen Angaben 84 und 106 Seiten haben - ich allerdings weigere mich den Einband bei der Nummerierung mitzurechnen, also sind es eigentlich 82 bzw. 104 Seiten.
Um die Heftchen befinden sich innerhalb der Ringbindung noch zwei durchsichtige Plastikscheiben, die wohl vor Feuchtigkeit schützen sollen. Angaben zum verwendeten Papier oder der Druckerei ließen sich nicht finden. Der Test auf Wasserfestigkeit bewies zwar die Druckqualität (die Farben verschwommen nicht), allerdings lösten sich die Seiten auf.
Das jeweilige Buch ist in eine Plastikschachtel verpackt wie sie auch für CDs oder DVDs üblich sind, denn dabei liegt noch jeweils eine CD-ROM auf der man GPS-Tracks, einige Wegpunkte findet; darüber hinaus einige PDF-Dateien: Einen Hinweis zum Urheberrecht, Hinweise zum Haftungsausschluss, und die Liste mit Links (die sich auch im Buch befindet).
Die Daten auf der CD haben einen Umfang von rund 1,4 MB, würden also gut auf eine Diskette passen (wenn nur nicht Disketten aus der Mode wären ...).
Der Endverkaufspreis eines jeden Buches beträgt 17,90 € - zum Vergleich: die anderen Publikationen auf dem deutschen Markt kosten 12,90€ (Esterbauer/Bikeline: Ostseeküste Baltikum Riga-Tallinn, 120 Seiten) und 14,80€ (Kettler Verlag: Baltikum per Rad, 320 S.). Natürlich kommen die anderen beiden ohne CD, aber zumindest gibt's bei Esterbauer ein wasserfestes Material (da ist aber der Inhalt oft Murks).
Beispiele
Damit auch Nicht-Eigentümer des Buches wissen worum es geht, hier einige Beispiele (aus Teil 2):
Karte Teil 2
Kurz gesagt: knapp, aber weitgehend zutreffend!
Fange ich mit dem Positiven an (wer Lust hat, kann bis zur detaillierten Kritik unten weiter lesen, denn wie wir wissen ist kritisieren immer einfach)
2.1. Die Auswahl der Daten stimmt!
Für mich ist es fast schon ein Novum, dass sich ein Autor die Mühe macht, sich mit den Planungen vor Ort hier in Litauen, Lettland, Estland als auch in Russland und Polen überhaupt auseinanderzusetzen. Das hielten die Ersteller der anderen beiden auf dem deutschsprachigen Markt erhältlichen Bücher für nicht notwendig. So schickt Esterbauer die Radler auf die Autobahn von Riga nach Estland und „übersieht“ auch den Radweg Riga-Jurmala und Kettler erklärt das Jedermannsrecht im Baltikum (das es nun wirklich nicht gibt). Dass sich zwischen der Erstellung der Bücher und ihrer Veröffentlichung schon Veränderungen ergeben haben (siehe unten), kann ich dem Autor nicht ankreiden, es ist hingegen ein Lehrstück über die Entwicklung in den Baltischen Staaten: Manche Dinge ändern sich so schnell und unvorhersehbar, dass Veröffentlichungen innerhalb weniger Monate schon nicht mehr zutreffend sind. Wenn man dazu weiß, dass Bücher in Deutschland eine Vorbereitungszeit von 1-2 Jahren bis zur Veröffentlichung haben, dann können sie gar nicht aktuell sein...
2.2. Das Design ist professionell, Karten stimmig
Hier hat Detlef Kaden mit seiner Lebensgefährtin Petra Kaden seinen Schluss gezogen: Alle Karten sind selbst, nach dem eigenen Modell gestaltet, lassen an Detailgenauigkeit – wenn es um die Orientierung auf dem beschriebenen Weg geht - nichts zu wünschen übrig. Dass einzelne Stücke und Schlenker (z. B. bei der Ausfahrt von Riga nach Osten über Zakumuiža) ausgelassen werden, tut dem guten Eindruck keinen Abbruch. Im Gegensatz zu den Esterbauer-Karten stimmt die Routenführung - auch mit der Wegbeschreibung überein (es gibt da Fälle bei Esterbauers "Ostseeküste Baltikum" als auch beim "Iron Curtain Trail" wo dem leider nicht immer so ist). Die Karten ermöglichen eine problemlose Orientierung.
2.3. Beurteilung des Inhalts
Die „Tourguides“ (so die Eigenbenennung) enthalten eine gute Auswahl von Basisinformationen, die zudem noch argumentativ begründet ist: Der Autor geht auf örtliche Diskussionen zur Routenführung ein, er wählt Camping- und Hotelalternativen (je nach Brieftasche) und einige Tipps für jeden Ort aus. Ich bezweifele nicht, dass das die Form ist, die vielen Reisenden entspricht: genau diese Punkte dann sicher abzufahren bzw. zwischen der günstigen oder der komfortablen Übernachtungsvariante auszuwählen. Und damit unterscheidet er sich positiv von der recht willkürlichen Auswahl in den anderen beiden Baltikum-Radführern auf dem deutschen Markt.
3. … und nun: zur Kritik!
Und nun das, was mir an diesen Büchlein negativ aufstieß:
3.1. Ein umfassendes Buch?
Vollmundig verspricht die eigene Pressemitteilung: "Der neu erschienene 2. Teil des Radreiseführesr bietet für den Abschnitt von Klaipeda ... bis … Sankt Petersburg, umfassende Informationen zur Wegführung, den touristischen Highlights und Übernachtungsmöglichkeiten in Hotels, Pensionen und im Zelt."
Nun, ja all das ist da, nun ist es doch ein bisschen vermesssen, bei 104 Seiten für 1310km von "umfassenden Informationen" zu reden.
3.2. Was ist eigentlich die Offizielle Route des R1?
Noch ein Zitat aus der Selbstdarstellung:
"In Zusammenarbeit mit dem Sankt Petersburger Fahrradclub VeloPiter konnte erstmals eine fahrbare Passage für den bislang als problematisch geltenden, 174 Kilometer langen Weg von der russischen Grenze bis in das Zentrum von St. Petersburg ausgewiesen werden."
Das stimmt nur halb. Denn Detlef Kaden hat sich zwar die Streckenführung des St. Petersburger Fahrrad-Klubs angeschaut - sich dann im Wesentlichen doch für eine andere entschieden – denn was für ihn persönlich „fahrbar“ ist und was für den russischen Fahrradklub in St. Petersburg, da scheinen verschiedene Meinungen zu existieren. Außerdem waren die VeloPitr-Informationen schon lange vor seinem Büchlein online, also zu behaupten dieses wäre die „erste Beschreibung“ ist einfach falsch. Richtig ist folgerichtig nur, dass irgendeine Strecke zum ersten Mal in einem deutschen Verlag gedruckt wird (vor einigen Jahren veröffentlichte der Niederländer Aart Buurma eine Wegbeschreibung des R1). Wie man in der Diskussion zwischen Kaden-Route und lokaler Radfahrer-Route sehen kann, bleibt die Route wohl auch weiterhin "problematisch".
Auch in Lettland behauptet er, „über den Wegverlauf des Radweges …. schweigen sich die regionalen Radwegeplaner aus“. Bei der Einleitung zu Lettland erzählt er uns aber richtigerweise, dass in Lettland überhaupt noch nichts zum R1 gemacht wurde, nur eine Studie zu den EuroVelo-Routen – die nach Wunsch der Planer eine völlig andere Route nehmen sollen, als die von Kaden vorgeschlagene. Außerdem habe ich in der beschriebenen Gegend noch nie überhaupt einen „Radweg“ gesehen.
Es gibt weder in Lettland noch in Russland (Kaliningrad und St. Petersburg / Leningradskaja Oblast) eine „offizielle“ Wegführung des R1, und auch die persönlich motivierte Führung in Polen wird unter Radfahrern stark kritisiert. Darüber hinaus, habe ich schon einmal vergeblich versucht, bei Georg Marquardt, dem „Vater des R1“ aus Höxter, Angaben über die Standards zum R1 zu bekommen.
Und so sehen die Stücke des R1 in jedem Land sehr verschieden aus und das wird sich in absehbarer Zeit wohl auch nicht ändern.
3.3. Ganz frisch und schon veraltet...
Einen Punkt, den ich Detlef Kaden nicht ankreiden kann, aber der ein schönes Lehrstück für die Entwicklung in den Baltischen Staaten darstellt, ist, dass zwei nicht ganz unwichtige Aussagen zur Wegbeschaffenheit schon zur Veröffentlichung des Buches obsolet waren - nicht aber während der Erstellung! So beschreibt der bei Šventoji in Litauen einen "sandigen Weg", der 2010 im Rahmen eines EU-Projektes ausgebaut wurde.Darüber hinaus stimmt die Aussage "Keiner der Wege [in Lettland] ist bereits ausgeschildert" nicht mehr, denn im August 2010 wurde mit der Fahrradroute in Nordostlettland (Vidzeme) auch ein Großteil der Route zwischen Riga und der estnischen Grenze - genau genommen ab Sigulda - ausgeschildert.
3.4. Sprachliche Spitzfindigkeiten
Was mich aber an dem Buch wirklich nervt, ist der Gebrauch der deutschen Sprache. Der Autor hat eine eigenartige Wortwahl, besonders bei den Adjektiven. So gibt es beispielweise „üble Straßen“,
Lieblingswörter des Autors scheinen Füllwörter wie „mitunter“ „nahezu“ „zunehmend“ „schon“ „natürlich“ … zu sein.
Einerseits versucht er sich zu der mutigen Behauptung, dass Schotterstraßen gut befahrbar seien (Heft 2, S. 25) – ich würde eine so allgemeine Behauptung nie wagen, denn der Zustand einer Schotterstraße hängt von vielen Faktoren ab (und ja, ich habe schon welche mit „Faust großen Steinen“ gesehen).
Anderseits bemüht er sich, alles zu relativieren. Was ist beispielsweise eine „nicht allzu stark befahrene“ Straße? Entweder sie ist stark befahren oder nicht. Oder der Weg durch Kuldiga sei „etwas kompliziert“. Was nun? Ist er kompliziert oder nicht? Will uns der Autor damit sagen, dass er sich verfahren hat?
Der Leser erfährt nichts über den Autor an sich, keine der üblichen lächelnden Selbstdarstellung mit Fahrrad. Das mag ja okay sein, aber wenn der Autor schreibt „wir empfehlen“ dann möchte der Leser schon wissen, wer ist eigentlich „wir“?
3.5. Warum gibt es keinen Fahrradservice?
Und dann fiel mir noch etwas auf: Detlef Kaden muss auch ein Super-Fahrrad haben, denn er scheint auch nie den Bedarf nach Fahrradreparatur zu haben. Zumindest sind die vorliegenden Führer des Verlages IS.Radweg die einzigen mir bekannten Bücher für Radfahrer, die keine Informationen (Adressen) über Fahrradwerkstätten, -läden oder gar -verleih enthalten. Es wird zwar angedeutet, an welchen Orten es Fahrradläden geben soll, aber Adressen werden komischerweise keine angegeben.
3.6. Nochmal GPS
Eine Sache hat mich auch noch verwundert: Wenn D. Kaden schon einen GPS-Track mitliefert, warum hat er kein Höhenprofil? Ich weiß, es gibt selten große Steigungen, aber mitunter hügelige Gegenden. Ein Miniprofil der Route mitzuliefern wäre technisch völlig unproblematisch und in der Zwischenzeit ist es gang und gebe dies bei der jeweiligen Karten anzugeben.
Ich finde, genug der Kritik. Ich könnte noch genügend „eigenartige“ Punkte aufzählen, aber ich will doch mal fertig werden.
Ein Fazit
Bei jedem Reiseführer hat sich der Autor bzw. der Verlag mit seiner konzeptionellen Vorgabe etwas gedacht. Also lautet die Frage: Für wen ist dieser Reiseführer geeignet - und für wen nicht?
Auch in diesem Fall handelt es sich natürlich um eine subjektive Beschreibung von jemanden, der – bei allen guten Vorbereitungen - ein Mal auf dieser Route gefahren ist.
(+ positiv)
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Allgemein gesagt sind es zwei professionell erstellte, weitgehend Fehler freie (Kleinigkeiten lassen sich nicht vermeiden) Heftchen mit einer zutreffenden Auswahl von Basisinformationen.
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Ein besonderer Akzent wird auf die Streckenführung und ihre Beschreibung gelegt - was besonders in Lettland und Russland, wo es keine Wegmarkierung (Fahrradroutenbeschilderung) gibt - völlig gerechtfertigt ist.
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Wer recht rasch den R1 abfahren möchte, der ist damit gut bedient.
(- negativ)
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Diese Wegbeschreibungen können aufgrund ihrer Kürze keinen echten Reiseführer ersetzen;
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Die Informationen zu den Orten - besonders zu den größeren - sind auf ein Minimum beschränkt,
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Unterkünfte sind nur einige angegeben;
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Aus diesem "Tourguide" wird auch nicht klar, wo und ob es sich lohnt, länger zu verweilen (z. B. über den Gauja Nationalpark im zweiten Teil oder die Kurische Nehrung im ersten Teil);.
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Die versprochene "umfassende Information" sollte man also nur als "Basisinformation zu allem" nicht aber als "vollständige" Information verstehen.









